Zum Leben mit der Angst vor dem Super-Gau (1986/2011)
Kein Wort, das ich schreibe, kann die Katastrophe in Japan lindern.
Aber Schweigen ist auch keine Option. Dialog muss sein.
Immer noch, immer wieder geht es darum, dass wir unverkennbare Risiken offen benennen und nicht vertuschen, sondern vermeiden, um zukünftiges Leid zu verhindern.
Vor 25 Jahren, im strahlend schönen Tschernobyl-Frühling, schrieb ich auf Karopapier. Das ist vielleicht der Hauptunterschied. Es sind die Worte von damals, die ich jetzt aus dem Archiv ausgegraben hab – tastende Worte einer noch nicht 20-Jährigen zwischen lebenshungrigem Pathos und kritischer Bewusstseinsbildung. Oder so:
(1986)
Noch nie so kostbar
Ist mir meine Zeit erschienen
Wie dieses Jahr,
Da alles Leben in Gefahr
Durch schlimmere Dinge
Als sie je zuvor gedroht -
Durch Tod,
Den man nicht sehen, noch hören kann,
Noch riechen, schmecken, fühlen
Und der doch
Allgegenwärtig
Uns umgibt,
Der nie bewusste Ängste
In allen abgestumpften Menschen weckt,
Der alten Zweifeln neue Nahrung gibt -
Und keines Menschen Macht wird ihn je tilgen.
In dieser Welt,
In diesem Jahr
Seh ich in der Natur mehr Schönheit,
Als mir je zuvor bewusst.
Und Glück und Schmerz,
Verstärkt durch den Kontrast,
Sie dringen gleichermaßen tiefer,
Verschmelzen mir zu einer Einheit,
Die das gewohnte Maß verlässt,
Mit der Vernunft nicht mehr zu fassen ist.
Ein jeder Glücksmoment am Tag
Bekommt jetzt eine Kraft,
Die auf Sekunden
Die Last des Wissens
Ganz vergessen lässt.
In nie gekannter Klarheit seh ich,
Fühl ich Glück und Schmerz
Und dabei kommen sich die zwei so nah,
Dass jeder Schmerz fast schön
Und jedes Glück mir schmerzlich wird.
Ich fühl und weiß nun sicher
Um die Wahrheit in dem Satz:
Wenn etwas bedroht ist,
Dann erst begreift man,
Wie lieb es einem ist.
Nachtrag
Sonntag, 13. März 2011, gegen Abend (allmählich)
For what it’s worth: Mein – vorläufiges – Fazit zum Umgang mit der Angst
(und mit einer im Kern nie vollständig beherrschbaren Technologie)
Gedanken aus dem Bauch nach 2 Tagen, in denen sämtliche Medien – vom TV bis zum Twitter-Stream – durch die Angst vor einer drohenden Katastrophe in Fukushima beherrscht waren. Und das eigene Bewusstsein immer wieder darum kreiste.
Was zu fordern ist, liegt klar auf der Hand – wie schon vor 25 Jahren:
Solange es noch Kernkraftwerke gibt, haben deren Betreiber vorbeugend und nachsorgend Kosten und Verantwortung zu übernehmen – für ihren regulären Abfall ebenso wie für katastrophale Kontaminationen. Es kann nicht sein, dass alle das Lebens-Risiko tragen für den finanziellen Gewinn einiger weniger.
Und genau deshalb ist die nächste, weitergehende Forderung – gleich wie lange noch deren Durchsetzung dauert – absolut nicht verhandelbar: Vom Netz mit allen AKWs, die ältesten zuerst! Kernenergie-Erzeugung ist – global betrachtet – nur an einem Ort halbwegs sicher: Im Sonnenball, um den wir kreisen. Sehen wir zu, dass wir die solare Kernfusion besser nutzen lernen und ebenso alle Ableitungen dieser Energie – Wind, Gezeiten, Erdwärme, nachwachsende (sonnengespeiste) Energieträger aus Pflanzen, aus Bio-Masse und so fort. Ehe die Folgen unseres (nichts) Tuns uns selbst zu fossilen Energieträgern reduzieren….
Gedanken aus dem sachlich genauer informierten, gleichwohl nicht beruhigten Kopf:
https://morgsatlarge.wordpress.com/2011/03/13/why-i-am-not-worried-about-japans-nuclear-reactors/
Hab ich eben gelesen. Genauer, hilfreicher, besser als alles, was offiziell in den Medien verlautbart wurde. Empfehle ich sehr. Denn genauere Informationen sind tatsächlich gut gegen diffuse Angst. Die detaillierten Erklärungen eines Fachmanns fühlten sich fast an wie die das reale Komplement zur Satire: http://blog.rebellen.info/2011/03/12/sendung-mit-der-maus-zu-gast-im-kernkraftwerk/
Was ich mir jetzt vorstellen kann, d.h. wie ich die oben verlinkten Informationen verstehe (auch weil ich dieser so vernünftig sich lesenden Argumentation trauen WILL, um mich selbst vor dem inneren Tsunami zu retten): Wir – Japan und der Globus, Menschen und Natur – kommen vielleicht noch einmal davon – diesmal.
Was ich auch verstehe: Genausowenig wie das einzelne Individuum alle Eventualitäten vorher wissen und Vorkehrungen treffen kann, um auf ALLES vorbereitet zu sein – genausowenig kann jemals „sichere Kernkraft“ existieren. Zumal auf einem Globus, dessen innere Unruhe wir nicht beruhigen können. Dessen Oberflächenfaktoren wir längst beeinflussen, ohne die Tragweite unseres Tuns, dessen Risikofolgen wir längst zu erfassen beginnen, bisher wirkungsvoll kontrollieren zu können – oder zu wollen. Ich bleibe dabei: Es ist Zeit, umzudenken – global. Solange uns noch Zeit dafür bleibt.