Laub

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Wenn der Winter schon zu lange währt – zumindest auf diesen Seiten,
wenn aus nacktem Gezweig endlich frische Textknospen springen sollen,
dann hilft eine Laub-Säge:

Unser Leben ist viel schwerer als das unserer Vorfahren, weil wir uns so viele Dinge anschaffen müssen, die uns das Leben erleichtern.

Gabriel Laub
* 24. Oktober 1928 in Bochnia, Polen
† 03. Februar 1998 in Hamburg

Über das Ausbleiben eines längst bezahlten Dings zum Tiefgefrieren und Kühlen hatte ich mich ehedem erschöpfend erhitzt. Nach zuletzt mehr als 9 1/2 Wochen und einer heißen Affäre mit dem Sommer 2012 wurde der lang ersehnte A+++ Frost-Genosse tatsächlich doch noch geliefert. Er kühlt seither anstandslos, still und sparsam vor sich hin. Darum verrate ich auch gern, dass er auf den Namen Gorenje hört – und er ist wirklich einer von den Coolen.

Nicht so cool fand ich dann ein nachtragendes Lebenszeichen jenes Handelshauses, bei dem ich nicht nur das Gerät erworben, sondern mit dessen Mitarbeiterstamm ich mich dank üppiger Muße-Zeit in Warteschleifen und wechselseitiger Versicherungen des Bedauerns ob vieler ergebnisarmer Gespräche in einer Art Notgemeinschaft gewähnt hatte. Wir entsinnen uns, dass in der größten Sommerhitze, als ich authentisch verschwitzt „meinen“, den ursprünglichen Verkäufer in die Pflicht nehmen oder aber den mit ihm geschlossenen Kaufvertrag auflösen wollte, jener sogar dafür gesorgt hatte, dass mir binnen 24 h ein kleiner Leihkühlschrank geliefert worden war, den ich in den 4 Wochen seines Verweilens bei mir nicht etwa wie ein rohes Ei behandelte, sondern viel eher wie ein kostbares Tech-Spielzeug beim Ausprobieren im Laden – kurz, ich entfernte bewusst nicht einmal die Schutzpolster und benahm mich ausgesprochen gesittet und höflich distanziert, um den kleinen Fremden nur ja nicht im falschen Milieu zu assimilieren. Ich schwör.

Dann klingelte das Telefon und ich erkannte die angezeigte Nummer. Über einen satten Monat nach Lieferung meines edelstählernen Prachtstücks. Damals war zugleich der makellos blasse Kleine von einem einzelnen Spediteur huckepack genommen und aus meiner Wohnung getragen worden. Das Telefon klingelte zum zweiten Mal. In einem Comic wäre das schnurlose Handgerät jetzt von allein aus der Ladeschale und durch die Decke geschossen. Ich hätte endlich Einblick in den Dachboden über mir bekommen. Mein Leben ist eher kein Comic. Beim Annehmen des Anrufs erkannte ich anhand einzelner Schlüsselwörter und der unangenehmen Stimmlage einen mir offenbar akut nicht sehr wohlgesonnenen Kollegen meines damals zuständigen Verkäufers. Wir erinnern uns, schon jenen Verkäufer hatte ich mehr als einmal telefonisch beim „Aushelfen im Lager“ aufgestöbert, wo er immerhin Zugriff auf Lieferinformationen hatte, die im Verkaufsraum oder bei der Hotline nicht zu erhalten waren.

Der spontane Anruf dieses plötzlich überraschend engagierten Kollegen kam offenbar auch aus dem Lager. Jedenfalls tätigte er ihn unmittelbar, nachdem er (Zitate aus dem Gedächtnis – bin froh, dass ich den Rest verdrängt hab): „40 Minuten an dem aus reiner Freundlichkeit zur Verfügung gestellten Kühlschrank rumgeputzt“ habe, den ich in einem „widerwärtigen, verdreckten und vergammelten Zustand“ dem Handelshaus zurückgegeben hätte, was er – ich hab ihm sofort zugestanden, dass das aus seiner Perspektive sehr nachvollziehbar ist – für eine „Frechheit im Verhalten“ ansehe, weshalb er verlange, dass ich diese seine Beschwerde zumindest zur Kenntnis nähme. Meine Versuche ihn hinzuweisen auf den zwischenzeitlich verstrichenen Monat wurden schlicht übertönt. Dass ich sowas mit [unverständliche Bezeichnung, evtl. Bezug auf das Handelshaus] nicht nochmals wagen solle, und ob ich mich zu entschuldigen oder wenigstens etwas daraus zu lernen gedächte, das war in etwa sein forderndes Fazit.

Unentschuldbar, wer keine Schuld trägt. Blöde Falle.

Was soll ich sagen – ich kann mutmaßen, wer den kleinen Kühlschrank in der Zwischenzeit wofür benutzt haben könnte. Wir erinnern uns: es war Hochsommer und sehr heiß. Der kleine blasse Fremde hatte überhaupt keinen Ort, wohin er gehörte, sicher wurde er lieblos verladen und in irgendeiner Ecke des LKWs ignoriert, vielleicht erst Tage später dann ins Lager abgeschoben, wo ihn jemand, der dort zu tun hatte, bemerkte und sich seiner erbarmte – ihn vielleicht in kleiner Runde ohne Aufhebens dazu bat zum Mittagstisch (also: Tisch zu sein). Oder zum Feierabendschoppen. Jemand mag ihn gestopft, mit Resten gemästet haben über Wochen, das hinterlässt Spuren. Ob gekühlt oder ungekühlt – irgendwann sind sie alt.

Ob der kleine Kühlschrank je eine richtige neue Heimat gefunden hat in einer Single-Wohnung oder in einem Büro, nachdem er von kundiger Hand wieder in einen verkäuflichen Zustand gebracht worden ist? Ich werde es nie wissen. Ein prickelndes Rätsel umgibt jenen Anruf, meinen vorläufig letzten Kontakt mit dem Handelshaus.

Fürs Erste bleiben mein cooler Kumpel Gorenje, mein hungriges Gehirn (hoffentlich), und mir bleibt gar nichts anderes übrig, als keimende Gedanken zu hegen, bis sie Blätter treiben – oder nachzuhelfen, wenn Text daraus wachsen soll. Notfalls mit der Laub-Säge. Denn gerade heute, an seinem Todestag, bleibt – nicht nur für mich – der völlig unverwelkte Gabriel Laub (wieder) zu entdecken, der trotz – oder wegen – der ungewollten Umwege seines Lebens uns alle an die Wand hätte schreiben oder twittern können. Nicht mit Einschusslöchern, noch digital angepinnt. Ich stelle es mir eher vor wie das alttestamentliche Menetekel an der Wand – denn sie flammen auf und brennen sich ein, die Aphorismen von Gabriel Laub:

Der Sklave will nicht frei werden. Er will Sklavenaufseher werden.

Als er sich endlich eine Position geschaffen hatte, die es ihm ermöglichte, alles zu sagen, was er dachte, dachte er nur noch an seine Position.

Ein freier Mensch ist einer, der sich wenigstens seiner Unfreiheit bewusst geworden ist.

Nichts macht mir so viel Arbeit wie der Entschluss zu arbeiten.

Das zuletzt zitierte Bekenntnis chronischer Veranlagung zur Prokrastination erinnert mich daran, dass ich als Kind bereits Kenntnis von Gabriel Laub hatte, und zwar von dem Laub, der sich selbst der Geschichte des Ur-Laubs verschrieben hatte (also der philosophischen Ahnenforschung) – seine gesammelten Glossen lagen als kleine Lektüre in meinem Elternhaus an jenem Ort, wo manche für sich (oder auch für Gäste) gerne etwas Unterhaltsames bereithalten… Der Ort selbst wurde damit auch mir immer wieder ein Ort des Kurz-Ur-Laubs. (Ja, lacht nur, das ging auch lange vor Erfindung von Smart Phones schon.) Was ich damals noch nicht wusste:

Als Gabriel Laub noch nicht 11 Jahre alt war, 1939, floh die polnisch-jüdische Familie vor den anrückenden Deutschen in die UdSSR, überstand Deportation und Internierung im usbekischen Uralgebiet und gelangte schließlich zurück nach Polen, doch Gabriel Laub zog es schon 1946 nach Prag. Dort begann er ein Wirtschaftsstudium. Er war tätig als Redakteur, Übersetzer und Bearbeiter von Dramen Vaclav Havels und Zofia Nklowskas, bevor er ab 1953 als freier Schriftsteller arbeitete. Als 1968 der Prager Frühling niedergeschlagen wurde, floh Laub über Wien nach Hamburg.

Trotz – oder wegen – der diversen Fluchten vor politischer Verfolgung und der daraus resultierenden sprachlichen Herausforderungen, die Gabriel Laub die Arbeit des Schreibens nicht gerade erleichterten, aber dazu führten, dass er in vier verschiedenen Sprachen denken, agieren, schreiben musste – und konnte, bewies er immer wieder eine leichte Hand im Umgang mit dem Schweren. Als Journalist, Satiriker und Aphoristiker. Als Mensch.

Es war vielleicht von Leichtigkeit inspirierte Koinzidenz, dass ich gestern über etwas Laub gestolpert bin und merkte: Der heutige 3.2. wäre ein guter Tag – für immergrünes Laub und für neue Knospen in den Textgründen. Die Zeit arbeitet nicht für uns – wir müssen es selbst tun…

Erlaubtes zum Weiterlesen:

Wie die Millionäre leben (Urlaubszeit III, Die Zeit – 09. September 1977)

Gedenkblatt für Gabriel Laub (von Manfred Sack, Die Zeit – 13. Februar 1998)

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